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Titelthema: Forschung und Glauben

Von Georg Scholl

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Forscher glauben vielleicht an Theorien, aber kaum an Wunder. Der Konflikt mit der Religion scheint deshalb vorprogrammiert. Dabei beschäftigen Glaubensfragen die Forscher untereinander schon genug.

Manche Forscher glauben an ökonomische Modelle, mit denen sich die Entwicklungen der Weltwirtschaft und der internationalen Börsen vorhersagen lassen. Manche glauben daran, dass sich eines Tages die String-Theorie beweisen lassen wird, die so etwas wie eine allgemeine Betriebsanleitung sein könnte für das Universum und alles, was darin geschieht. Der berühmte amerikanische Astronom Carl Sagan glaubte, dass die Menschheit früher oder später Signale von intelligenten außerirdischen Lebensformen empfangen werde und lauschte jahrzehntelang mithilfe riesiger Radioteleskope ins All. Und sein Landsmann, der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Astropyhsiker Thomas Gold von der Cornell University, glaubte, dass Erdöl in Wirklichkeit kein fossiler Brennstoff auf der Basis von Biomasse sei, sondern ein Stoffwechselprodukt von Kohlenwasserstoff verwertenden Bakterien, die in der Erdkruste hausen.

Wer Wissenschaft vor allem als ein Geschäft von Rationalität, harten Fakten und Empirie begreift , unterschätzt, welche Rolle fixe Ideen und Intuition spielen sowie die Überzeugung, auf der richtigen Spur zu sein, auch wenn man es noch nicht beweisen kann. Am Ende aber sollte aus Glauben bewiesenes Wissen werden. Nur an die Existenz außerirdischen Lebens zu glauben reicht eben nicht, es kommt darauf an, was man beweisen kann. Diese Übereinkunft unter Forschern klingt trivial. Doch ist sie die Wurzel für Konflikte mit den Religionen, deren Grundlage ein Glaube ist, der ohne Beweise auskommt. In der Welt der Religion sind Wunder durchaus möglich, in der Welt der Forschung nicht. Dort gilt die Sentenz des schottischen Philosophen David Hume, die sinngemäß lautet: Man sollte nicht an Wunder glauben, es sei denn, die Beweise dafür sind so stark, dass es ein Wunder wäre, wenn man nicht daran glauben würde. Dass manche Forscher dennoch bereit sind, an göttliche Wunder zu glauben, macht die Konfliktlage nicht übersichtlicher.

„Der Geltungsanspruch religiöser Glaubenswahrheiten schrumpft seit Darwin und dem Siegeszug der Naturwissenschaften immer mehr zusammen."
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Auf der Suche nach dem Gottesmodul

Der Drang, dem Unerklärlichen und Wunderbaren auf den Grund zu gehen, führt die Wissenschaft wie nebenbei – manchmal auch mit voller Absicht – auf das Terrain des Religiösen. So ist mit den Fortschritten der modernen Hirnforschung das Thema Glauben immer faszinierender für die Wissenschaft gewor den. Forscher schieben tibetische Mönche oder katholische Nonnen in den Kernspintomografen um zu sehen, welche Hirnregionen beim Meditieren oder Beten aktiv sind. Dass hierbei ein Bereich des vorderen Schläfenlappens besonders gut durchblutet ist, hat den amerikanischen Neuropsychologen V. S. Ramachandran diese Hirnregion so gar schon als so genanntes Gottesmodul ausrufen lassen. Auch umgekehrt funktioniert diese offenbar für religiöse Empfindungen zuständige Hirnregion. Wird das betreffende Areal mittels Magnetwellen stimuliert oder etwa bei einem epileptischen Anfall betroffen, kommt es bei den Probanden oder Patienten oft zu transzendentalen Erfahrungen von Erleuchtung oder zu religiösen Erlebnissen.

Ist Gott vielleicht am Ende nichts weiter als ein Neuronengewitter im menschlichen Hirn? Ramachandran mag diese Frage nicht beantworten. Wie viele Neurologen ist er nicht bereit, den Glauben an Gott einfach durch einen Glauben an das Gehirn zu ersetzen. Schließlich widerspricht die Existenz eines Gottesmoduls ja nicht der Existenz eines Gottes. Vielleicht handelt es sich ja um einen gezielt von der Schöpfung vorgesehenen Empfänger für spirituelle Botschaften und Erfahrungen? Eine andere Theorie erklärt die Empfänglichkeit des Menschen für das Religiöse mit der Evolution. So habe die Selektion Menschen mit einem entsprechenden Hirnareal bevorzugt, da religiöses Erleben die sozialen Bindungen innerhalb einer Gemeinschaft stärken kann.

Das Gehirn als Glaubensmaschine

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Eine alternative Erklärung dafür, dass der Mensch an etwas glauben will und muss, liefert der britische Entwicklungsbiologe Lewis Wolpert. Seine Begründung für die geradezu zwanghafte menschliche Suche nach Antworten erklärt den Antrieb nicht nur für Religion und Wunderglauben, sondern gleichermaßen für die Forschung. Wolpert sieht das Gehirn als eine Glaubensmaschine, die den Menschen auf seiner Suche nach Erkenntnis dazu treibt, dort, wo er nicht weiß, wenigstens zu glauben – sei es an Gott, Astrologie, Außerirdische oder die String-Theorie.

Der Grund ist laut Wolpert die Fähigkeit des Menschen, Ursache und Wirkung in Beziehung zu setzen. Sie ließ ihn in grauer Vorzeit erste primitive Werkzeuge erfinden. Ohne diese Einsicht wäre schon die Erfindung einer Axt durch die Kombination eines Faustkeils mit einem einfachen Stock als Schaft nicht möglich gewesen. Die Fähigkeit löste eine Kettenreaktion der Erkenntnis aus. Wer einmal den Zusammenhang von Ursache und Wirkung durchschaut hat, kann nicht mehr aufhören, nach den Gründen dafür zu suchen, weshalb die Welt so ist, wie sie ist. Wer verstanden hatte, dass man zwei Holzstücke schnell aneinander reiben muss, um Feuer zu entfachen, wollte auch die Ursachen für andere Dinge verstehen, etwa für Krankheit und Tod. Doch bei diesen Schicksalsschlägen ließ sich der gelernte Grundsatz „Keine Wirkung ohne Ursache“ nicht ohne Rückgriff auf das Übernatürliche anwenden. Wo unsere Vorfahren an die Grenzen des Erklärbaren stießen, kamen sie fast zwangsläufig auf die Lösung, dass ein unsichtbarer Gott verantwortlich sein müsste. Eine Vorstellung, die so plausibel war und für viele bis heute immer noch ist, dass viele Gesellschaften sie unabhängig voneinander entwickelten.

Doch mit jedem Rätsel, das die Forschung löst, wird der Spielraum für übernatürliche Erklärungen kleiner. Der Geltungsanspruch religiöser Glaubenswahrheiten schrumpft seit Darwin und dem Siegeszug der Naturwissenschaften immer mehr zusammen. Am Ende wird fraglich, ob es überhaupt einen Gott gibt, wenn man alles auch ohne ihn erklären kann. Umso massiver sind die Abwehrreaktionen der Religiösen. In der spektakulären Auseinandersetzung um den Kreationismus und die Evolutionstheorie stehen in den USA religiöse Anhänger eines Intelligent Design, die Darwins Lehre für einen Irrtum und die Bibel für das allein maßgebliche Werkzeug zur Erklärung der Entstehung der Welt halten, radikalen Atheisten wie dem Biologen Richard Dawkins gegenüber, die jeden Gedanken an einen göttlichen Schöpfungsplan für reinen Unfug halten.

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Glauben, ohne es beweisen zu können, ist das an der Religion, was ihre Gegner wie Dawkins antreibt. Wenn religiös sein bedeute, an etwas auch ohne Beweise zu glauben, lasse sich alles rechtfertigen – ohne Argumente, ohne Beweise, allein mit der Begründung, dass man eben daran glaube, so Dawkins in seinem Buch „The God Delusion“ (deutsch: „Der Gotteswahn“), einem weltweiten Bestseller.

Wer steht wo in der Glaubensfrage?

Dawkins streitet sich nicht nur mit Religionsvertretern. Einer seiner Widersacher ist beispielsweise der Genetiker Francis Collins. Der ehemalige Leiter des National Human Genome Research Institute kämpft öffentlich für Vereinbarkeit von Gottesfurcht und Wissenschaftlichkeit und glaubt erklärtermaßen an Gott, die jungfräuliche Geburt und die Wiederauferstehung von Jesus Christus. Andere Wissenschaftler wie der Paläontologe und Evolutionsforscher Stephen Jay Gould propagieren Wissenschaft und Religion als zwei voneinander unabhängige Welten, die gleichberechtigt nebeneinander existieren. Anhänger dieser Sichtweise argumentieren, dass der Naturalismus der Evolutionstheorie ohne Weiteres die Vorstellung zulasse, dass Gott das Weltall geschaffen, dann aber der Naturgeschichte im Rahmen der von ihm bestimmten Gesetze ihren Lauf gelassen habe. Was ihn nicht davon abgehalten habe, hier und dort doch in das Geschehen einzugreifen.

„Auf der Suche nach der Wahrheit kann am Anfang ohne Weiteres ein unvoreingenommener Glauben stehen. Möglicherweise ist er sogar hilfreich."

Lange bevor die aktuelle Auseinandersetzung in den USA um Wissenschaft und Religion begann, wurde die Frage nach Gott und seiner Rolle im Weltbild der Forschung in Zusammenhang mit Albert Einstein und seiner Relativitätstheorie diskutiert. Als Kronzeuge des Naturwissenschaftlers, der zugleich auf Gott vertraut, taugt dieser nicht. Seine berühmte Bemerkung, Gott würfele nicht, war wohl eher eine Allegorie dafür, dass auch das Universum von festen Gesetzen geregelt sein müsse, denn ein Glaubensbekenntnis. In einem erst kürzlich aufgetauchten Brief Einsteins an den Philosophen Eric Gutkind aus dem Jahr 1954 schrieb er: „Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann (für mich) etwas daran ändern.“ Dennoch bezeichnete Einstein sich selbst nicht als Atheist und meinte: „Was ich in der Natur erblicke, ist eine großartige Struktur, die wir nur bruchstückhaft verstehen können. Diese Struktur muss jedem denkenden Menschen ein Gefühl von Bescheidenheit vermitteln – ein authentisches religiöses Gefühl, das mit Mystizismus nichts zu tun hat."

Dies würden viele Forscher im Angesicht der großen Rätsel ihrer jeweiligen Disziplin sicherlich unterschreiben. Ebenso wie die Übereinkunft, dass auf der Suche nach der Wahrheit am Anfang ohne Weiteres ein unvoreingenommener Glauben stehen kann, ja möglicherweise sogar hilfreich ist. Doch ob wir Erdöl wirklich dem Wirken von Bakterien verdanken, ob die Volten der Weltwirtschaft sich prognostizieren lassen oder ob die Antwort auf die Rätsel des Universums eine mathematische Weltentheorie ist oder die Existenz eines höheren Wesens – dies dürfte für die meisten Forscher am Ende eine Frage der Beweise und nicht des Glaubens sein.

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